50 m Becken Hiesfeld Reinhard Claves

Dinslaken. Reinhard Claves, Breitensport-Abteilungsleiter der SGP Oberlohberg, hat ganz eigene Vorstellungen zu den Planungen im Dinslakener Bäderkonzept.

Das Bäderkonzept der Dinslakener Stadtverwaltung sollte in der aktuellen Fassung nicht umgesetzt werden, findet Reinhard Claves, Breitensport-Abteilungsleiter der SGP Oberlohberg. Claves hat Bürgermeister Michael Heidinger einen Antrag zur Prüfung eines alternativen Konzeptes geschickt. Die Konzentration auf die Erweiterung der Wasserflächen am Dinamare mit den im Gutachten erläuterten Erweiterungen, sollten demnach bis auf die Ergänzung eines Lehrschwimmbeckens und Ertüchtigungen im Bestand zurückgenommen werden und der Standort Hiesfeld ein 50-Meter-Schwimmbecken erhalten.

„Die Zukunftsprognose für den wachsenden Stadtteil Hiesfeld und der demografische Wandel in unserer Stadt muss an die Bedürfnisse aller Beteiligter angepasst werden“, so Claves. Ein Naturbad würde diesen Ansprüchen nicht gerecht werden, da die Nutzungsbedingungen für den Schulsport, den Vereinen, Frühschwimmern und dem Schwimmbadverein nicht genügten.

Claves fordert, den Bau eines 50-Meter-Schwimmbeckens in Hiesfeld zu prüfen, das den Anforderungen eines eventuellen Ganzjahresbetriebs entspreche. Die Prüfung solle sich auch darauf erstrecken, den Ganzjahresbetrieb eventuell durch ein Traglufthalle oder ähnliche Konstruktion zu sichern. „Der Schulsport würde Vorteile und Synergieeffekte in der Stundenplangestaltung, der Einführung eines Sportleistungskurses mit Abiturprüfung anbieten können. Der Transport der Schüler in das Dinamare würde entfallen und Zeiteinsparungen einen effektiven Sportunterricht ermöglichen.“

Da die Stadt Dinslaken mit einem neuen Sportförderkonzept auch die Nutzungsbedingungen für Bezirkssportanlagen, Sportplätzen sowie Sporthallen auf ihre Agenda geschrieben habe, sollte auch ein Bäderkonzept den Ansprüchen aller Bürger entgegenkommen. „Die Konzentration auf einen Standort wird diesen Ansprüchen nicht gerecht, da auch hier Kapazitätsdefizite zu befürchten sind.“ Durch die Schließung eines Bades in Duisburg-Walsum könnten zudem Bürger aus diesem Stadtteil die Nutzung eines Bades in Hiesfeld eher annehmen als die Fahrt zum Dinamare. Die Erweiterung des Badestandortes Dinamare mit einem Lehrschwimmbecken begrüßt Claves. „Alle weiteren baulichen Änderungen auch hinsichtlich einer Saunalandschaft und die Aufstockung und Erweiterung der Gastronomie sollten entfallen und die freiwerdenden Mittel in Hiesfeld eingeplant werden. Die Sauna im Mattlerbusch, die leicht erreichbar ist und ebenfalls einen starken Besucherrückgang verzeichnet, macht deutlich, dass solch ein Angebot nicht kostendeckend und auch nicht die notwendigen Besucherzahlen erzielen wird.“

Die Finanzierung könnte seiner Meinung nach auch durch Fördermittel des Landes für den Schulsport, über Mittel des Landessportbundes, durch Meisterschaftsaustragungen, aus Fördermitteln von Stiftungen für den Jugendsport und Leistungssportzentren sowie den Einsparungen durch die im Bäderkonzept vorgesehenen, dann nicht notwendigen baulichen Änderungen und Maßnahmen am Dinamare erfolgen. Die Personalkostenseite könne ebenfalls durch Wegfall der Maßnahmen am Dinamare, durch Vereinsengagement, Ehrenamtler und Einbindung freiwilliger Helfer der DLRG kompensiert werden.

Sag ihr, ich lasse sie grüßen

Sag ihr, ich lasse sie grüßen!
Bei diesem Song von Udo Jürgens läuft mir jedes Mal ein Schauer über den Rücken und es wird mir heiß und kalt. Kürzlich, bei einem Konzert hatte ich ihn wieder gehört. Am liebsten hätte ich mich zurückgezogen, ich wäre gern allein mit mir gewesen. Doch wohin? Das Konzert war noch nicht zu Ende und ich wollte auch niemanden stören, aber die Worte dieses Liedes – muss man wissen – hatten mich an eine Begebenheit erinnert, die schon längere Zeit zurückliegt: Meine verstorbene Frau hatte eine Lieblingstante gehabt, und als diese starb und beerdigt wurde, hatte ich ähnliche Worte auf die Kranzschleife schreiben lassen und sie auf diese Art gebeten, meine Frau von mir zu grüßen. Im Zuhause der Toten, wo sie inzwischen vierzehn Jahre geduldig auf mich wartet.
Nun war fast zweiundneunzigjährig, ein lieber Nachbar gestorben. Mehr als fünfzig Jahre hatte er im Haus nebenan gewohnt und wenn wir uns zufällig trafen, haben wir auch immer gern miteinander gesprochen. Ich war daher auch zu seiner Beerdigung gegangen. Es war um die Mittagszeit, und vom wolkenlosen Septemberhimmel sorgte die Sonne für kaum zu ertragende dreißig Grad, doch brav hatte ich meinen dunklen Anzug angezogen und wartete im Schatten eines Baumes darauf, dass die bereits vor mir erschienenen und in Grüppchen ebenfalls wartenden Trauergäste in die Friedhofskapelle hineingehen würden. Eine stattliche Frau ging an mir vorbei. Sie trug ein graues Etwas über dem Arm, das wie ein Talar aussah, und in der Hand eine Mappe. Sie nickte mir grüßend zu. Dann war sie also die Pastorin, die die Trauerrede halten würde? Endlich betrat auch ich die Kapelle, verneigte mich vor dem Sarg des Verstorbenen, und nahm in einer der hinteren Bankreihen Platz. In der Halle war es angenehm kühl.
Ein leises Geräusch störte meine Gedanken und ließ mich hochblicken: An einem der geschlossenen, farbigen Fenster flatterte ein Schmetterling. Vergeblich suchte er den Weg in die Freiheit, hielt immer wieder erschöpft inne und versuchte wenige Minuten später erneut, der Gefangenschaft zu entkommen. War es ein Tagpfauenauge? Das Tierchen tat mir jedenfalls leid, und ich nahm mir vor, ihm in die Freiheit zu verhelfen, sobald die Trauerfeier zu Ende sein würde.
Die Organistin begann mit einem Adagio in einer Molltonart. Obwohl Musik mich seit jeher interessiert, konnte ich mich auf sie nicht konzentrieren: Immer wieder wanderte mein Blick zu dem um seine Freiheit kämpfenden Geschöpf. War es die Seele des Verstorbenen? Es mag dahingestellt bleiben, aber wer das Buch „Über den Tod und das Leben danach“ von Elisabeth Kübler-Ross kennt und ihren Thesen zugetan ist, wird auch glauben, dass die Seele des Menschen nach seinem Tode den Körper verlässt, wie auch ein Falter aus seinem Kokon schlüpft. Nun – ich habe zu diesem Thema andere Vorstellungen.
Es begann das übliche Ritual: Die Pastorin sprach den Angehörigen des Verstorbenen ihr Mitgefühl aus, es folgten Musikstücke und dazwischen Texte aus der Bibel. Sie sprach auch vom ewigen Leben, das nun dem Verstorbenen zuteilwerden würde, und ich dachte nach: Wenn es das wirklich geben sollte, das ewige Leben, dann fürchte ich mich vor dem Tod, denn irgendwann möchte ich schließlich meine Ruhe haben!
Die Pastorin erinnerte noch an das Leben und Schaffen des Verstorbenen und zitierte ihn sodann, sichtlich berührt, mit seinen letzten Worten: „Alles gut.“
Stille … andächtige Stille. Nur das Geräusch des Schmetterlings erinnerte mich wieder an seine Befreiung, die ich ihm insgeheim versprochen hatte. Mit dem Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ging die Feier zu Ende. Träger kamen und trugen den Sarg hinaus. Hinter ihm gingen zuerst die Angehörigen des Toten, und dann die übrigen Trauergäste. Nun aber war die Gelegenheit gekommen, dem Falter in die Freiheit zu verhelfen:
Völlig erschöpft schien er zu sein. Ganz behutsam konnte ich ihn mit einem Taschentuch fassen und hinaustragen. Und als ich dann meine Hand vorsichtig öffnete, saß der Falter zunächst noch einen Augenblick lang mit geschlossenen Flügeln da, doch dann, als ob er sich bei mir bedanken wollte, klappte er seine herrlich gezeichneten Flügel auf. Ganz aus der Nähe konnte ich nun dieses Wunderwerk der Natur bestaunen. Ehrfürchtig sogar, und als ich ihn dann sachte anhauchte, flog er mit schnellen Flügelschlägen auf und davon. Wohin, und ob es die Seele des Toten war, die nun ihrem Ziel zustrebte, oder ob der Falter nur einen Platz auf seinen Lieblingsblüten suchte – darüber machte ich mir keine Gedanken. Ich musste mich beeilen, mich den Trauernden anzuschließen, die dem Sarg bis zu seiner letzten Ruhestätte folgten und sich dort ringsum versammelten.
Die Pastorin hatte ein Gebet gesprochen und den Sarg mit dem Verstorbenen noch ein letztes Mal gesegnet, da wartete ich ruhig, bis seine Angehörigen Abschied genommen hatten und ließ auch noch anderen Trauergästen den Vortritt. Dann aber nahm auch ich eines von den bereitgestellten Sträußchen, warf es sachte hinunter in das offene Grab, hob ein wenig meine rechte Hand und sagte einem plötzlichen Gedanken folgend: „Sagen Sie ihr, ich lasse sie grüßen!“
Text Günter Detmer

Das Geheimnis der Bäume

Es war ein sonniger Sommertag. Die Wärme tat Heinz‘ alten Knochen gut. Er trat vor die Tür und blickte zur Eiche, die auf einem grünen Hügel stand. Eigentlich ein Baum wie jeder andere auch, doch für Heinz war dieser etwas ganz besonderes. Vor Jahren hatte er eine Bank unter das mächtige Laubdach aufgestellt, um dort auf eine besondere Freundin zu warten. Auf Sina.
„Wer zuerst am Baum ist!“, rief Sam, der zu Besuch war.
Er stürzte an Heinz vorbei. Sam war sein sieben Jahre alter Enkel und zudem ein kleiner Wirbelwind.
Heinz lächelte und lief langsam auf seinen Stock gestützt seinem Enkel hinter her.
Wie lange ist es her, als ich noch so rennen konnte, fragte sich Heinz.
„Ich bin Erster!“, rief Sam ihm entgegen. „Opa, du wirst immer langsamer.“
„Nein, … Du wirst nur immer schneller!“, keuchte Heinz. „Puh, ich brauche eine Pause!“
Er hatte versucht, auf den letzten Meter etwas schneller zu laufen. Außer Atem und froh erreichte er den Baum.
„Hallo, altes Mädchen!“ Heinz legte seine Hand an den Baum.
„Opa, woher weiß du, dass der Baum ein Mädchen ist?“, fragte Sam.
„Oh, das hat sie mir mal gesagt“, antwortete der alte Mann.
„Wer? Der Baum?“
„Nein, soll ich es dir erzählen?“, Heinz setzte sich schwerfällig auf die Bank.
„Au, ja!“ Sam rutschte neben ihn.
„Es war ein Tag wie heute. Ich war noch ein Junge, etwas älter als du jetzt“, begann Heinz.
„Du warst mal ein Kind, wie ich?“ Sam staunte.
„Ja, natürlich!“, sagte Heinz. „Es wäre doch sehr unfair, wenn Omas und Opas alt geboren werden, oder?“
Sam nickte.
Als Heinz seine Geschichte erzählte, wurde die Erinnerung wieder vor seinem Augen lebendig …

Er stand an dem Stamm der noch jungen Eiche. Ihre Blätter wisperten im Wind. Seit Tagen kribbelte es ihm in den Fingern, hinauf zu klettern. Er spuckte in seine Hände und rieb sie an der Hose trocken. Er umarmte den Stamm. Es war leicht ihn zu umfassen.
Es dauerte lange, bis Heinz den unteren Ast erreicht hatte. Ein hartes Stück Arbeit lag hinter ihm.
Es wäre gut, wenn ich eine kleine Pause einlege, dachte er. Bevor ich höher klettere.
Er ließ die Beine baumeln und schaute nach oben. Die Zweige flüsterten im Wind.
Wie wohl die Aussicht von dort oben ist, dachte er.

Nach ein paar Minuten kletterte er weiter. Die Äste wurden immer dünner und auch biegsamer.
Plötzlich passierte es. Ein zu dünner Ast knickte ab und brach und Heinz …

Er wäre gefallen, wenn nicht im letzten Augenblick, eine grünliche Hand nach seinem Arm griff und auf einem rettenden Ast zog.

Heinz musste sich von dem Schreck erholen. Er musterte verstohlen das Wesen, das sich neben ihn gesetzt hatte. Es sah aus wie ein Mädchen mit grünlicher Haut und herbstlaubroten, zerzausten Haaren. Blätter und kleine Zweige schauten aus der Mähne heraus. Es trug enge Kleidung, die an Peter Pan erinnerte. Seine Nase war zu spitz. Es grinste frech.
„Du kannst mich sehen!“, sagte es. „Dann bist du ein besonderer Mensch.“
„Wer oder was bist du?“, fragte Heinz.
„Oh, ich bin Sinalla Falda O‘ Eiche, eine Dryade!“, antwortete das Wesen.
„Was ist eine Dryade?“, wollte Heinz wissen.
„Eine Baumnymphe, oder Baumgeist“, erklärte Sina. „Ich lebe im Einklang mit meiner Freundin, dem Baum, hier.“
Sina streichelte über die Rinde.
„Alle lebenden Bäume leben in Symbiose mit uns Dryaden …

Die Erinnerung verblasste langsam. Heinz fand in die Gegenwart zurück. Sam hatte aufmerksam zu gehört.
„Wo ist denn diese Sina jetzt?“, fragte Sam.
Heinz blickte nach oben. Ein kleiner Schopf blickte aus der Baumkrone zu ihnen herunter.
„Sie ist hier!“, sagte Heinz. „Vielleicht kannst du sie ja auch sehen.“
Sam sprang von der Bank und suchte. Er lief hastig hin und her. Sina setzte sich auf einen Ast und kicherte.
„Da! Da ist sie!“, rief er. „Die ist aber viel kleiner, als ich dachte!“
„Oh, Dryaden können ihre Größe verändern“, meinte Heinz. „Nein, kletterte nicht nach oben.“
Heinz war kurz erschrocken.
„Warum nicht?“, fragte Sam.
„Es ist zu gefährlich für euch Menschen!“, sagte Sina.
Sam zuckte zusammen.
Sina stand plötzlich neben ihm. Sie war genauso groß wie er.
Sie tippte Sam auf die Schulter und rief: „Du bist dran!“
Heinz lächelte. Es war so lange her, als er mit Sina fangen gespielt hatte. Die Dryade hatte sich über die Jahre nicht verändert. Der Stamm der mächtigen Eiche war nur dicker geworden.
Text Nicole Gabrys

Lyrik und Musik

„Lyrik lernen lohnt sich.“ Zu diesem sehr interessanten Thema war vor längerer Zeit in unserer Tageszeitung eine Kolumne zu lesen, über die ich mir meine eigenen Gedanken gemacht habe:
Ja, Lyrik lernen lohnt sich, und der Meinung des Redakteurs stimme ich voll und ganz zu! Besonders; wenn Profis Gedichte lesen – in Kempen und auch in der Mercatorhalle in Duisburg hörte ich einmal Bruno Ganz –, dann können sie ihre Wirkung richtig entfalten; ganz anders, wenn ich sie mir laut vorlese. Gekonnt ist eben gekonnt. Nach der Lesung sprach ich übrigens kurz mit ihm und bekam auch ein Autogramm, über das ich mich besonders freue
Aus meinen Volksschuljahren – mehr Schulbildung war für mich in den Nachkriegsjahren nicht drin, und ich beklage mich auch nicht, habe ich unter anderem Schillers „Lied von der Glocke“, aber auch „Nis Randers“ von Otto Ernst bruchstückhaft in Erinnerung, denn als wir damals diese und andere Gedichte auswendig lernen mussten, da schwebte noch der Rohrstock unseres Klassenlehrers über uns, und der war vielleicht der Grund, dass wir uns etwas mehr bemühten. Stammt der Begriff, jemandem etwas „einbläuen“ wohl von den blauen Flecken, die er bei den Getroffenen hinterließ?
Im Alter von 86 Jahren lässt meine Merkfähigkeit leider immer mehr nach, wenn jedoch Lyrik meisterhaft vertont wurde, dann kann ich mir, zusammen mit der Musik, den Text besser merken – ja, manches Gedicht, das mich besonders berührt, brennt sich dann regelrecht in meine grauen Zellen ein, besonders dann, wenn es vollendet gesungen und gespielt dargeboten wird.
Ganz vorsichtig wage ich in diesem Zusammenhang einmal zu fragen, wie es zum Beispiel um den Bekanntheitsgrad von Hermann Hesses „September“ stünde, hätte nicht Richard Strauss in seinen letzten Lebensjahren eine riesige, aber wunderschön klingende Partitur um dieses nachdenklich stimmende Gedicht gewoben. Text und Musik vereinen sich dabei zu höchster Vollendung und berühren mich immer wieder sehr!
Man vermutet ja, dass erst die Nähe seines Todes Richard Strauss bewogen habe, unter der Überschrift „Vier letzte Lieder“ Gedichte von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff zu vertonen. Dankenswerterweise für eine Singstimme und großes Orchester. Und obwohl es für ihn eigentlich nur noch kompositorische „Handgelenksübungen“ sein sollten, wie ich irgendwo gelesen habe, sind doch wahre Meisterwerke entstanden.
„Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss habe ich einmal zu diesem Thema hervorgehoben. Ich weiß allerdings nicht, welchem Leser dieser Zeilen die Texte auch in der Vertonung bekannt sind? „Frühling“, „September“ und „Beim Schlafengehen“ von Hermann Hesse, sowie „Im Abendrot“ von Joseph von Eichendorff.
Hermann Hesse, dieser höchst sensible und die Musik liebende Mensch, so wird berichtet, habe die „Vier letzten Lieder“ in der Vertonung von Richard Strauss zwar kennen gelernt, dessen „rauschender“ Stil habe ihm allerdings nicht zugesagt. Ich dagegen möchte – wenn ich „September“ gehört habe –, eine ganze Weile lang keine andere Musik an mich heranlassen; so sehr berühren Text und Musik jedes Mal mein Innerstes.
Erwähnen möchte ich hier aber auch die „Wesendonck-Lieder“, die Richard Wagner nach Gedichten von Mathilde Wesendonck komponiert hatte. Ohne seine wunderbare Musik würde heute vermutlich kaum jemand Notiz von ihnen nehmen.
Allerbeste Lyrik, wie ein kostbarer Edelstein in Musik gefasst und meisterhaft gesungen zu hören – im Konzertsaal oder auch zu Hause von einer CD, das übertrifft jeden noch so guten Vortrag!
Und wenn im September der Sommer wie in jedem Jahr dabei ist, sich zu verabschieden, und man die Gelegenheit hat, durch einen schönen Garten zu gehen, dann wird man vielleicht die Situation auch so empfinden, wie Hermann Hesse sie in seinem schönen Gedicht beschreibt: „Der Garten trauert, kühl sinkt in die Blumen der Regen.“
Text Günter Detmer

O Magnum Mysterium

Nach längerer Zeit war ich wieder nach Xanten gefahren, in die alte Römerstadt bei uns am Niederrhein, und wie viele Male zuvor war ich auch in den Dom gegangen und hatte Kerzen angezündet. Kerzen für liebe Menschen, die mir nahe standen und die ich für immer in mei-nem Herzen bewahren werde: meine Eltern, denen ich unter anderem meine Liebe zur Mu-sik verdanke, besonders aber meine Frau, mit der ich achtundvierzig Jahre lang glücklich verheiratet war. Wir beide waren in früheren Jahren auf unseren Fahrrädern gern nach Xan-ten gefahren und das waren dann Tagestouren von siebzig bis achtzig Kilometern gewesen, je nach Route.
Vor einem Nebenaltar hatte ich mich auf eine Bank gesetzt, dachte an meine Lieben und betete für sie. Eine wohltuende Ruhe umfing mich an diesem Tag im Dom; ich hatte schon anderes erleben müssen: Mitteilungsfreudige Besucher etwa, die ungeniert und laut die Sehenswürdigkeiten des Gotteshauses miteinander begutachteten.
Doch in die Stille setzte unvermittelt die große Orgel ein. Passagen aus einem mir unbe-kannten Werk waren zu hören, brachen ab und begannen von neuem. Mit meiner Andacht war es zu Ende. Zunächst irritiert, dann jedoch interessiert, verließ ich die Bank und näherte mich der Orgel, die in einem nur um zwei Stufen erhöhten Bereich vor dem sehenswerten, farbigen Westfenster des Domes steht.
Obwohl ich ein wenig zur Seite gegangen war, konnte ich nur mühsam und aus zu großer Distanz den Spieltisch erblicken, der zwischen Rückpositiv und Hauptorgel steht, und daher für den Betrachter von vorne nicht sichtbar ist. Schade! Ich ignorierte ein dickes, dunkelro-tes Seil, das dort als Abgrenzung kniehoch über dem Boden angebracht ist, überstieg es vor-sichtig und ging behutsam näher an die Orgel heran. Nun konnte ich endlich von der Seite her den hell erleuchteten Spieltisch mit den drei Klaviaturen und den aufgeschlagenen No-tenblättern gut sehen.
Ein schmächtiger, junger Mann saß davor: Der Organist. Sogleich war mir aufgefallen, dass er zum Spiel des Pedals leichte, alte Schuhe angezogen hatte, die nicht so recht zu seiner sonstigen Kleidung passen wollten; seine Straßenschuhe hatte er neben der Orgel auf dem Fußboden abgestellt.
Eine junge Frau schien ihm zu assistieren, denn in kurzen Abständen ging sie in den Kir-chenraum, lauschte dem Klang, kam zurück und erzählte etwas, was der Organist sich no-tierte, um sodann die Registrierung zu ändern und von neuem zu beginnen. Seine Finger liefen virtuos über die Tasten, mal auf dem mittleren Manual, mal auf dem unteren. Das obere benötigte er scheinbar nicht, doch was mich besonders beeindruckte: Seine Füße fanden die Pedaltasten blind! Es war hochinteressant für mich, dem Spiel endlich einmal zusehen zu können, denn Orgeln, diese bewundernswerten Instrumente, haben mich schon immer interessiert.
So ging das eine Weile. Es wurden andere Passagen probiert, angehört und Notizen ge-macht. Der Dom war voll der schönsten Klänge, und die Bässe der mächtigen Sechzehnfüßer ließen den Marmorboden neben der Orgel vibrieren. Doch offensichtlich war das nur eine Probe für ein bevorstehendes Orgelkonzert, und man bekam auch kein ganzes Musikstück zu hören. Das sollte dem Konzert vorbehalten bleiben.
Die beiden legten nun eine Pause ein und ich erwachte aus meiner Faszination. Ich war bestürzt und schämte mich vor mir selbst. Für eine kleine Weile hatte ich alles um mich her-um vergessen: Ich hatte sogar vergessen, dass vor nur sechs Tagen meine liebe Frau verstor-ben war, dass ich sie schmerzlich vermisste und dies überhaupt der Grund für meinen Be-such im Dom war!
Ist es denkbar, dass sie mir dieses Erlebnis geschenkt hatte? Wollte sie mir damit etwas sagen?
„Wenn du einmal traurig bist, oder mutlos, und niemand ist da, der dich tröstet, dann las-se dich von schöner Musik in die Arme nehmen.“
Anfang April 2002 war es gewesen, ein wenig Zeit war nach dem Dombesuch ins Land ge-gangen, da bekam ich eine Antwort auf meine Frage. Mein Erlebnis hatte ich nämlich, zu-sammen mit einer Weihnachtsgeschichte, unserer Tageszeitung vorgelegt, und man war nicht abgeneigt gewesen, bei Gelegenheit auch diese Erzählung abzudrucken.
Es kam der 31. Januar 2004, der zweite Geburtstag meiner Frau nach ihrem Tod, und diesen Tag werde ich nie vergessen. Neben ihrem Foto hatte ich eine Kerze angezündet, eine schö-ne Rose neben das Bild gestellt, und wie an jedem anderen Morgen auch, war ich zur Haus-tür hinuntergegangen, um aus dem Briefkasten die Tageszeitung zu holen, ohne zu ahnen, was mich dort erwartete.
Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Zutiefst bewegt las ich bereits auf der Titelseite in großen Buchstaben einen Hinweis auf meine Erzählung im Innenteil des Blattes: „Seelenmu-sik. Wie die Klänge der Orgel im Xantener Dom trösten und Mut machen können.“
An ihrem Geburtstag! Dieses Datum war der Redaktion gar nicht bekannt gewesen und dennoch hatte man an diesem Tag die Geschichte abgedruckt, zusammen mit einem Foto der großen Xantener Dom-Orgel!
Seit jenem Tage glaube ich nicht mehr an Zufälle und ich bin auch fest davon überzeugt, dass meine liebe Frau mir auf diese Weise geantwortet hatte.
Gleichzeitig war mir ein Anderes klar geworden: Sie, die genau wusste, was Musik für mich bedeutet, nur sie konnte es gewesen sein, die mich damals auf die Minute genau in den Dom geführt hatte.
O Magnum Mysterium!
Text Günter Detmer

Unser ehrenwertes Haus

Ein ehrenwertes Haus
Dienstag, 15:30. „Wussten’se dat? Hat die Tussi letztens ihre Große im Keller vergessen! Und die Dicke aussem Vierten sieht aus wie ihr’n Dackel! Gestern war oben rechts widda der Gasmann da! Und der Don Juan von drunter, wie der immer die Tussi anstarrt!“
Die vom Parterre redet sich in Rage. Sie schaut zu ihrem Nachbarn hoch.
Er guckt wie immer aus dem geöffneten Fenster seiner Wohnung im ersten Stock. Von dort sieht er das neue Flowerpower-Bild am Jugendzentrum gegenüber.
„Un der Alte von unten is widda am Nölen wegen die stinkende Müllsäcke! Wussten’se, der Kerl und seine Type aus dem Zweiten sind nicht verheiratet! Und de Neue im Zweiten links sind zwei Kerle!“ Sie redet schneller als sie atmen kann.
Atempause, um den karibischen Klängen von gegenüber zu lauschen, das Jugendzentrum füllt sich.
„Wissen’se ei’ntlich, wat die vonne Jugendzenter bei’de Eigentümertreff wollten?“
Er weiß es, aber er schweigt. Sie möchten die Hausfront für ein Kunstprojekt nutzen. Die Dackelfrau war als Einzige dagegen gewesen, die Kanackenkinder brächten nur Ärger.
15:40. Dackel geht Gassi. 16:00. Der Alte von unten kontrolliert den Keller. 16:10. Dackelfrau im Anmarsch. Der Bus hält, die Große steigt aus. Zeitgleich betreten sie das Haus. Streikender Aufzug, die Große hilft der Dackelfrau beim Tragen. Der Fenstermann hört es durch die dünne Wohnungswand. 16:15. Weitere Nachbarn zurück. Schweigen vor dem Aufzug. Die vom Parterre betritt das Haus.
Plötzlich ein Schrei von oben, Hundegebell, dann eine Mädchenstimme: „Sie ist gestürzt! Ist da unten wer?“
Klappernd öffnet sich der Fahrstuhl. Der Fenstermann kann die vom Parterre rufen hören: „Wir ko-hom-men!“ Klapper, Fahrstuhl zu.
Ein Blick hinaus, die Jugendlichen tanzen, eine repariert ihr Mofa.
Piep! Piep! Piep!
Es klopft, es ist der Alte: „Die von oben ist gestürzt! Der Fahrstuhl steckt fest! Ich kann’s reparieren, hab mich aber ausgesperrt, kein Telefon, kein Werkzeug!“
Wortlos reicht ihm der Fenstermann sein Telefon, greift nach dem Schlüssel und verlässt die Wohnung.
„Wohin … Schnell einen Rettungs …“, hört der Fenstermann ihn in den Hörer rufen.
Vor dem piependen Aufzug treffen sie sich, der Fenstermann mit dem Mofamädchen im Schlepptau. Der Alte und sie beginnen fachsimpelnd, am Fahrstuhl zu schrauben.
Dann dumpfe Stimmen aus dem Aufzug: „Platzangst! Hyperventiliert!“
„Hilft mir wer?“ Das ist die Große von oben.
Der Fenstermann läuft die Stufen hoch, beruhigt die Große, versorgt die Verletzte. Endlich das Rumpeln, Surren, der Aufzug kommt!

Freitag, 20:00. Frau Eck aus dem Parterre hebt ihr Glas. „Da sind’wer alle hier inne neue Partykeller: Herr Groß außem Ersten, die Shakira mitte Jungs von drüben, unser‘ treue Caro mitte Dackel vonne Dicke … äh von Frau Fürth aus dem Vierten. Morgen könnter anfangen mitte Pinselei, sacht sie. Unnu: Prost auf unser
Text Barbara Fröhlich

Nicht aufgeben liebe Betty, – Briefwechsel

Deine Postkarte ist gestern angekommen. Da kann man ja neidisch werden, weil es so malerisch aussieht, rund um die Rehaklinik. Ich wünsche Dir sehr, dass Du bald wieder gut laufen und den Park genießen kannst. Bestimmt findest Du Dich schnell mit allem zurecht und die Zeit wird wie im Fluge vergehen.
Maxl fängt schon an, sich bei mir einzugewöhnen. Gestern habe ich mit ihm einen langen Spaziergang bis zu Deinem Garten gemacht und die letzten Pflaumen geerntet. Wenn sich bald die ersten Maronen zeigen, bist Du gewiss schon wieder so fit, dass wir gemeinsam in die Pilze gehen können. Darauf freue ich mich schon.
Liebe Grüße
Deine Edith

Liebe Betty,
ich habe mich sehr über Deinen ausführlichen Brief gefreut. Seit Deiner Postkarte waren ja bereits fast zwei Wochen vergangen. Ich mache mit Maxl jeden Tag einen ausgiebigen Spaziergang, damit er nicht aus der Übung kommt. Darum ist es auch so wichtig, dass Du nicht aufgibst, sondern in der Krankengymnastik und beim Schwimmen alles mitmachst. Ich glaube Dir, dass es sehr schwierig ist, ohne Gehhilfe zu laufen, aber wenn Du wieder mit Maxl Gassi gehen willst, brauchst du freie Hände. Bestimmt ist es sehr ernüchternd, dass der Stationsarzt keine Prognose stellen will, wann Du entlassen wirst. Aber: gut Ding will Weile haben.
Ganz liebe Grüße
Edith

Liebe Betty,
ich hatte nicht gewusst, dass Maxl Schnee so liebt! Er war völlig außer Rand und Band, als uns letzte Woche die ersten weißen Flocken überrascht haben. Sonntag war Dein Junge hier und hat den Garten winterfest gemacht. Er hat mir von seinem Besuch bei Dir erzählt und auch davon, dass er sich um Dich sorgt, weil Du zu ungeduldig mit Dir bist. Ich verstehe Dich sehr gut. Bevor Du abgereist bist, haben wir noch Pläne gemacht, ob wir bei Dir oder bei mir Stollen zum ersten Advent backen und nun sieht es so aus, als wenn Du bis Weihnachten in der Klinik bleiben musst. Lass bitte den Kopf deswegen nicht hängen.
Ich drücke Dich in Gedanken
Deine Freundin Edith

Liebe Betty,
Maxl und ich sind gestern Abend mit dem Zug gut wieder heimgekommen. Es war eine tolle Idee von Dir, dass wir über die Feiertage zu Dir reisen. Besonders unsere Spaziergänge in dem winterlichen Kurpark haben mir sehr gefallen. Erinnerst Du Dich noch an den ersten Advent? Wie traurig Du warst, weil Du dachtest, dass es gar nicht voran geht? Und jetzt muss ich mich beeilen, um in Deiner Wohnung kräftig zu lüften und alles schön zu machen. Ich freue mich so auf Deine baldige Rückkehr und darauf, mit Dir in Deinem Garten die ersten Schneeglöckchen zu bewundern.
Alles Liebe
Deine Edith

Text Carolin Werner

Der Schwan

Nach der langen Bahnfahrt hatte ich sehr unruhig geschlafen und irgendwann wurde ich wach, schaute, ohne das Licht einzuschalten auf meine Armbanduhr, und war beunruhigt: Ich war hellwach, und an ein Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Ohne lange zu überlegen, griff ich nach meinem iPhone und schrieb eine E-Mail:
„Anna, du Liebe, du vermisst meine E-Mails? Hier ist eine und ich schreibe sie mitten in der Nacht. Weil ich müde war von der Reise und vielleicht auch von der Umstellung auf das Seeklima hier auf Sylt, war ich früh ins Bett gegangen, und jetzt habe ich den Salat: Es ist drei Uhr nachts und ich kann nicht mehr schlafen. Mir ist warm geworden und ich habe deshalb einen Fensterflügel gekippt – auch weil ich das von zu Hause so gewöhnt bin –, und nun kann ich ein paar Nachtschwärmer hören, die die Friedrichstraße entlang ziehen. Ansonsten ist es in meinem Hotelzimmer total ruhig. Die Bahnfahrt hatte bereits mit einer geänderten Wagenfolge begonnen und die Abfahrt hatte sich dann auch um zwanzig Minuten verspätet, weil sich auf der vorausliegenden Strecke jemand vor einen Zug geworfen hatte. Man hört immer häufiger, dass verzweifelte Menschen das tun, und ich kann mir vorstellen, dass es ein blitzschnelles Ende ist.
Es ist wahrhaftig nicht schön, was ich dir hier erzähle, aber das Leben ist nun einmal so: Erst hat man Gespräche mit Mitreisenden über Suizid auf den Gleisen, und etwas später redet man mit Urlaubern über leckere Fischgerichte, die es hier gibt und die ich mir nicht entgehen lasse, wenn ich schon einmal in Westerland bin. Man muss hart sein im Nehmen, sonst hält man es mitunter nicht mehr aus. Du fehlst mir Anna, denn heute gegen vierzehn Uhr werde ich vergeblich auf dich warten und nach deinem roten Anorak Ausschau halten. Und du wirst nicht fröhlich angeradelt kommen und mir zuwinken und dann sagen: ‚Lass uns doch ins Extrablatt gehen. Ich möchte gern eine Cola, und dann werden wir weiter sehen.‘
Weißt du was? Ich versuche nun doch zu schlafen, aber ich schicke dir diese Gedanken, damit du heute von mir etwas zu lesen hast. Und ich denke an dich. Ich denke, ob du vielleicht auch gerade wach bist, womöglich wieder Magenschmerzen hast und dich quälst und dir Sorgen machst. Ich drück dich ganz fest und streichele in Gedanken über dein Haar, wie im Januar, als ich dich nach deiner schweren Operation im Krankenhaus besucht hatte, und wo du so verzweifelt warst.“
Der Erfolg der Operation war da noch völlig ungewiss gewesen, und deshalb war Anna an diesem Abend vollkommen verzweifelt gewesen. Mit ihren sowieso schon strapazierten Nerven war sie vollkommen am Ende, und brach, sogar noch immer an ein halbes Dutzend Schläuche angeschlossen, in einem Sessel neben ihrem Bett plötzlich haltlos weinend zusammen.
Alles, was sie besonders in der letzten Zeit so sehr bedrückt hatte: ihre Sorgen um ihre Gesundheit (man hatte sie zwanzig lange Jahre aufgrund einer oberflächlichen Diagnose falsch behandelt), das Bangen um ihre Existenz („Wie soll es denn nun mit mir weiter gehen?“), all das brach aus ihr wie eine gewaltige Eruption heraus. Und als ob ich es bereits gespürt hatte, war ich vorsorglich noch nicht nach Hause gefahren, und konnte sie auffangen. Wie ein Kind konnte ich sie in meine Arme nehmen, sanft über ihr Haar streicheln und ihr geduldig zuhören. So gelang es mir dann nach und nach, sie wieder zu beruhigen. Doch so nah, wie in jenen bangen Minuten, so nah waren unsere Seelen nie wieder beieinander gewesen – Minuten, die wir beide nie vergessen würden.
Und als ich später wieder nachhause gefahren war und auf der Autobahn mein Autoradio eingeschaltet hatte, da wurde sehr bald eine wunderbare Musik gesendet, die ich zwar gut kannte, deren Titel mir aber nicht einfallen wollte. Eine mir unbekannte Gruppe hatte der Melodie einen italienischen Text unterlegt und sang das Lied. Es war beinah wie ein Überfall auf meine ambivalente Gemütslage, und am liebsten hätte ich sofort angehalten, um die Musik in aller Ruhe genießen zu können – so sehr war sie mir in dem Moment unter die Haut gegangen!
Anhalten war leider nicht möglich, auch ein Rastplatz war nicht in Sichtweite, doch am nächsten Tag schaute ich in die Playlist des Senders und las sowohl den Titel als auch den Namen der Gruppe: „Der Schwan“, von Camille Saint Säens, gesungen von „Il Volo.“
Hatte mir in jenem Moment ein guter Geist im Sender, völlig ahnungslos, etwas schenken wollen dafür, dass ich noch bei Anna geblieben war? Oder war es womöglich sie selbst gewesen, die mir auf diese Weise etwas Gutes tun wollte? O Magnum Mysterium, es gibt so viele Geschehnisse, für die wir keine Erklärung finden und seither lässt mich diese wunderschöne Musik nicht mehr los!
Nun sollte man allerdings wissen, dass ich es ohne mein Zuhause immer nur kurze Zeit aushalte, und so war ich auch dieses Mal nur vier Tage auf Sylt gewesen. Allein, übrigens ohne Anna, die dieses Mal leider keine Zeit hatte, mich wieder zu begleiten. Doch kaum war ich von der Reise zurückgekehrt, müde von der langen Fahrt – und es war auch schon spät am Abend –, da brauchte ich sie vor dem Zubettgehen noch einmal: Die Musik aus jener Nacht auf der Autobahn.
Ich nahm die CD „Il Volo“ aus dem Regal, legte sie in den Player, setze mich in einen Sessel, schloss die Augen und ließ diesen wunderschönen Titel abspielen:
„Guarda che Lago che Luna c’ è le stelle in cielo brillano per noi …”–, und meine Gedanken waren bei Anna.
Text Günter Detmer

Bei mir piept´s

‚Die Sanduhr des Lebens kann keiner stoppen. Zeit ist begrenzt, sie will genutzt werden.‘
Die Worte des Trauerredners lassen mich nicht los. Ich rutsche auf meinem Autositz herum. Meine Finger umkrampfen das Lenkrad wie einen Rettungsring. Ich schlucke, beschleunige das Tempo, obgleich ich spüre, dass ich innerlich herunterfahren muss. Um mich abzulenken schalte ich das Radio ein. ‚Hör auf die Stimme, hör, was sie dir sagt‘ dröhnt es aus den Boxen. Ich wechsele den Sender. Die sonore Stimme des Radiosprechers lässt mich ruhiger werden.
Mist, kurz vor Köln tun sich jede Menge Staus auf. Ich steuere die nächste Ausfahrt an, will mir eine Pause gönnen. Zweihundert Kilometer liegen noch vor mir. Ich schlendere an der Rheinpromenade entlang, setze mich auf eine Bank, döse, denke über mich und die Sanduhr in meinem Leben nach.
„Hör auf die Stimme, hör, was sie dir sagt“, murmele ich plötzlich wie ein Mantra vor mich hin. Da ist er wieder, dieser nervtötende Ohrwurm, der sich in meinem Kopf festgesetzt hat.
Ich will in mich hinein horchen. Es gelingt mit nicht.
Was für ein Quatsch, denke ich. Das Einzige, was ich außer den Schiffen hören kann, sind krächzende Vögel. Hallo, ich bin doch nicht zum Ornithologen berufen!
Intuitiv blicke ich in die Baumkrone über mir. Majestätisch, weit verzweigt, fast blickdicht. Plötzlich entdecke ich in den Blättern merkwürdige Bewegungen. Was ist das? Giftgrüne Papageien hangeln sich durch die Äste. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Drehe ich jetzt völlig ab? Wenn es nicht so makaber wäre, würde ich sagen, dass es bei mir piept.
Die Vögel schnattern jetzt lauter, schriller, aggressiver. Alles in mir schnürt sich zusammen. Wie in Trance wanke ich zu meinem Auto, frage mich, ob ich mit meinen Visionen überhaupt in der Lage bin weiterzufahren. Kündigen sich so Psychosen, Epilepsien, Hirnerkrankungen an?
„Sie zittern ja wie Espenlaub“, sagt eine Frau besorgt.
„Guck mal, Mama! Die Vögel fliegen bestimmt nach Afrika“, kreischt ein Junge im Grundschulalter.
Die Mutter lacht.
„Das sind wilde Halsbandsittiche, die leben hier – alles Nachfahren entflohener Käfigtiere“, erklärt sie. „In der Rheinebene gibt es Tausende.“
Tausende? Die Zahl ist Balsam für meine gebeutelte Seele. Ich muss auch lachen und fühle mich mit einem Mal schlagartig kerngesund. Trotzdem beschließe ich, es wie diese Vögel zu machen und mir hier bald eine Übernachtungsmöglichkeit im Hotel zu suchen.
An diesem Abend stoße ich mit mir selbst das Leben an. Ich weiß, ich habe viel nachzudenken, will einiges ändern, bewusster leben. „Hör auf die Stimme“, der Refrain hat wirklich was.
Text Ulli Krebs

Der Lausbub und ich

Mein Name ist „Petzi.“ Ich bin eine Art Foxterrier mit weißem Fell und braunen Ohren. Oft höre ich: „Schau mal, so einen Hund möchte ich auch haben, der sieht total super aus.“ Wenn die nächste Frage kommt: „Wie heißt er denn, darf ich ihn mal streicheln?“ wird mein Herrchen Pit gleich groß vor Stolz und ich natürlich auch.
„Petzi heißt er, klar kannst du ihn streicheln. Das findet er prima.“
Pit ist ein richtiger Lausbub, 7circa 7 Jahre alt. Wir sind sehr gute Freunde und ein starkes Team. Hier eine kleine Kostprobe.
Eines Nachmittags kamen drei Kumpels von Pit vorbei, um uns beide zum Fußballspielen abzuholen. Pit nahm mich an die Leine, unser Ziel war der Friedhof, wo es am Eingang eine Wiese gibt. Dort angekommen, wartete ich leider vergeblich darauf, dass ich endlich frei über den Rasen sausen durfte. Stattdessen befestigte Pit meine Leine an einem Baum. Ich bellte, lief hin und her, es half nichts. Pit legte seine Jacke vor mir auf den Boden und sah mich fest an:„Petzi, Platz, pass gut auf die Jacke auf!“ Er verschwand in ein nahe gelegenes Gebüsch und
holte etwas Kugeliges heraus. Roch das gut! Warum nur durfte ich nicht mitspielen?
Die Jungs bauten mit Jacken ein Tor und los ging es. Als die Kugel einmal an mir vorbei kullerte, wollte ich sie festhalten. Sofort schrie Pit: „Petzi, aus, mach Platz!“
Nach kurzer Zeit schoss ein Junge die Kugel wieder ins Gebüsch, griff nach seiner Jacke und schrie: „Die Polizei kommt, schnell weg von hier,“ alle rannten fort, auch mein Herrchen Pit.
Ich sprang auf und zerrte vergeblich an der Leine. Tat das weh. Nach kurzem Aufheulen bellte ich
die beiden schwarz gekleideten Männer an, so laut ich konnte. Dann fletschte ich die Zähne.
„Ist doch gut, Hundchen. Aus. Da hat dich dein Herrchen wohl vergessen.“
„Platz!“ sagte der andere und sah mich mit einem Blick an, der mich zu tiefst erschreckte. Ich gehorchte. Aber nur für kurze Zeit, dann legte ich wieder los.
„Lass ihn doch bellen, umso schneller kommt der Junge zurück, diesen Mistköter zu holen.“
Ich roch Pit bereits von weitem, jaulte auf und wackelte mit dem Schwanz.
„Siehst du,“ frohlockte der erste Polizist, „da ist er ja.“
Dann wandte er sich an Pit, er schien dabei noch ein Stück größer zu werden. Seine Stimme klang rau und barsch: „Wenn du deinen Hund haben willst, musst du schon näher kommen.“ Ein Grinsen ging über sein Gesicht.
„Ansonsten bringen wir ihn gleich ins Tierheim.“
Da stand Pit und zitterte ein wenig. Es sah aus, als ob er gleich losheulen würde.
„Wir haben nichts gemacht. Wir spielten doch nur Fußball,“ brach es aus ihm heraus.
„Fußball, hier auf dem Friedhof,“ schrie er Pit an. Sein Gesicht erglühte wie eine rote Lampe.
„Und wo ist der Ball bitte?“
Der zweite Polizist mischte sich ein: „Wie heißt du überhaupt, und wo wohnst du?“ Der Ton machte mich wahnsinnig. Ich bellte los.
„Petzi, aus, mach Platz,“ herrschte mich Pit an, was ich gleich tat. Stotternd wandte sich Pit wieder an die Polizisten.
„Pit Blume. Ich wohne in der Nähe.“ Er schluchzte auf. „Dies ist die einzige Wiese, wo wir spielen können. Es gibt doch sonst nur Trümmer überall.“
„Auf dem Friedhof darf man trotzdem kein Fußball spielen, das ist dir doch klar, nicht wahr? Und nun die wichtigste Frage, wo ist der Ball?“
„Ich weiß es nicht, sicher haben ihn die anderen Jungen.“
„Wie dem auch sei, nimm jetzt deinen Hund und deine Jacke, wir gehen zu deinen Eltern. Dort kannst du erzählen, was ihr hier gemacht habt.“ Dann drohte er mit dem Zeigefinger: „Versuch nicht wegzulaufen, wir sind schneller als du!“
Pit hob seine Jacke auf band die Leine vom Baum los und gab den Befehl: „Petzi, komm mit!“
Ich stand auf.
Sie nahmen Pit in die Mitte, ich schlich angeleint hinter ihnen her, mit gesenktem Kopf und hängendem Schwanz.
Zu Hause angekommen, öffnete Vater die Tür. Sofort sträubte sich mein Fell. Ich bellte, was das Zeug hielt, denn ich spürte, es gab gleich großen Ärger.
„Moment, die Herren, Pit, sperr sofort deinen Köter weg!“
Pit führte mich zum Badezimmer, stupste mich hinein und zog die Tür hinter sich zu.
Gedämpft hörte ich Stimmen, dann, wie Vater Pit anschrie: „Na, warte, das gibt gleich was.“ Die Haustür fiel ins Schloss, bedeutete, die Männer waren fort.
Jetzt hielt mich nichts mehr. Ich musste hier raus, mein Herrchen würde gleich eine Abreibung mit der „Wimmelquieke,“ einem kurzen Gummischlauch, kriegen.
In meiner Not kam mir die Idee: Ich sprang hoch und erreichte tatsächlich die Klinke mit den Pfoten. Die Tür ging mit einem Ruck auf. Bellend stürzte ich auf Vater zu, der gerade Pit den ersten Schlag versetzte. Nach meinem Lärm konnte Pit aus dem Raum fliehen, ich biss Vater von hinten in die Hose, erwischte dabei die Wade.
„Nur zu,“ dachte ich, „gib´s ihm!“
Vater schrie auf, drehte sich nach mir um. Ein Schlag traf meinen Rücken. Jaulend rannte ich hinter Pit her und hörte gerade noch, wie Vater der Mutter zurief: „Lenchen, hilf mir, der verdammte Köter hat mich gebissen.“
Ich fand Pit kniend in Mutters Nähzimmer hinter dem Wäschekorb. Er strich vorsichtig mit seinen Händen über seinen Rücken und seinen Po. Sofort warf ich mich vor seine Knie, während er zu mir herunter glitt, eine Hand seinen Kopf abstützend, die andere strich kraulend über mein Fell.
„Gut gemacht, Petzi, bist mein braver Hund.“ Dabei nahm er meinen Kopf hoch und sah in meine Augen. Nach einer Pause schluchzte er auf.
„Alles ist doof, nirgends können wir Fußball spielen. Es gibt keinen Platz auch keine Bälle und nun
dürfen wir nicht mal die Wiese auf dem Friedhof benutzen.“ Er schniefte laut. „Schon gar nicht mit einem Totenkopf,“ Tränen liefen über seine Wangen. „Es könnte ja der Kopf von Opa Louis sein.“
„Ein Totenkopf,“ dachte ich. „Deshalb roch das so so lecker.“ Langsam schleckte ich mit der Zunge über sein Gesicht.
Anmerkung: Die Geschichte fand tatsächlich im Jahr 1948 statt. Ein Teil  des Friedhofs wurde für
die Verlegung der Bahngleise gebraucht. Die Gräber bettete man um.
Text Heike Wiezorek