Sag ihr, ich lasse sie grüßen

Sag ihr, ich lasse sie grüßen!
Bei diesem Song von Udo Jürgens läuft mir jedes Mal ein Schauer über den Rücken und es wird mir heiß und kalt. Kürzlich, bei einem Konzert hatte ich ihn wieder gehört. Am liebsten hätte ich mich zurückgezogen, ich wäre gern allein mit mir gewesen. Doch wohin? Das Konzert war noch nicht zu Ende und ich wollte auch niemanden stören, aber die Worte dieses Liedes – muss man wissen – hatten mich an eine Begebenheit erinnert, die schon längere Zeit zurückliegt: Meine verstorbene Frau hatte eine Lieblingstante gehabt, und als diese starb und beerdigt wurde, hatte ich ähnliche Worte auf die Kranzschleife schreiben lassen und sie auf diese Art gebeten, meine Frau von mir zu grüßen. Im Zuhause der Toten, wo sie inzwischen vierzehn Jahre geduldig auf mich wartet.
Nun war fast zweiundneunzigjährig, ein lieber Nachbar gestorben. Mehr als fünfzig Jahre hatte er im Haus nebenan gewohnt und wenn wir uns zufällig trafen, haben wir auch immer gern miteinander gesprochen. Ich war daher auch zu seiner Beerdigung gegangen. Es war um die Mittagszeit, und vom wolkenlosen Septemberhimmel sorgte die Sonne für kaum zu ertragende dreißig Grad, doch brav hatte ich meinen dunklen Anzug angezogen und wartete im Schatten eines Baumes darauf, dass die bereits vor mir erschienenen und in Grüppchen ebenfalls wartenden Trauergäste in die Friedhofskapelle hineingehen würden. Eine stattliche Frau ging an mir vorbei. Sie trug ein graues Etwas über dem Arm, das wie ein Talar aussah, und in der Hand eine Mappe. Sie nickte mir grüßend zu. Dann war sie also die Pastorin, die die Trauerrede halten würde? Endlich betrat auch ich die Kapelle, verneigte mich vor dem Sarg des Verstorbenen, und nahm in einer der hinteren Bankreihen Platz. In der Halle war es angenehm kühl.
Ein leises Geräusch störte meine Gedanken und ließ mich hochblicken: An einem der geschlossenen, farbigen Fenster flatterte ein Schmetterling. Vergeblich suchte er den Weg in die Freiheit, hielt immer wieder erschöpft inne und versuchte wenige Minuten später erneut, der Gefangenschaft zu entkommen. War es ein Tagpfauenauge? Das Tierchen tat mir jedenfalls leid, und ich nahm mir vor, ihm in die Freiheit zu verhelfen, sobald die Trauerfeier zu Ende sein würde.
Die Organistin begann mit einem Adagio in einer Molltonart. Obwohl Musik mich seit jeher interessiert, konnte ich mich auf sie nicht konzentrieren: Immer wieder wanderte mein Blick zu dem um seine Freiheit kämpfenden Geschöpf. War es die Seele des Verstorbenen? Es mag dahingestellt bleiben, aber wer das Buch „Über den Tod und das Leben danach“ von Elisabeth Kübler-Ross kennt und ihren Thesen zugetan ist, wird auch glauben, dass die Seele des Menschen nach seinem Tode den Körper verlässt, wie auch ein Falter aus seinem Kokon schlüpft. Nun – ich habe zu diesem Thema andere Vorstellungen.
Es begann das übliche Ritual: Die Pastorin sprach den Angehörigen des Verstorbenen ihr Mitgefühl aus, es folgten Musikstücke und dazwischen Texte aus der Bibel. Sie sprach auch vom ewigen Leben, das nun dem Verstorbenen zuteilwerden würde, und ich dachte nach: Wenn es das wirklich geben sollte, das ewige Leben, dann fürchte ich mich vor dem Tod, denn irgendwann möchte ich schließlich meine Ruhe haben!
Die Pastorin erinnerte noch an das Leben und Schaffen des Verstorbenen und zitierte ihn sodann, sichtlich berührt, mit seinen letzten Worten: „Alles gut.“
Stille … andächtige Stille. Nur das Geräusch des Schmetterlings erinnerte mich wieder an seine Befreiung, die ich ihm insgeheim versprochen hatte. Mit dem Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ging die Feier zu Ende. Träger kamen und trugen den Sarg hinaus. Hinter ihm gingen zuerst die Angehörigen des Toten, und dann die übrigen Trauergäste. Nun aber war die Gelegenheit gekommen, dem Falter in die Freiheit zu verhelfen:
Völlig erschöpft schien er zu sein. Ganz behutsam konnte ich ihn mit einem Taschentuch fassen und hinaustragen. Und als ich dann meine Hand vorsichtig öffnete, saß der Falter zunächst noch einen Augenblick lang mit geschlossenen Flügeln da, doch dann, als ob er sich bei mir bedanken wollte, klappte er seine herrlich gezeichneten Flügel auf. Ganz aus der Nähe konnte ich nun dieses Wunderwerk der Natur bestaunen. Ehrfürchtig sogar, und als ich ihn dann sachte anhauchte, flog er mit schnellen Flügelschlägen auf und davon. Wohin, und ob es die Seele des Toten war, die nun ihrem Ziel zustrebte, oder ob der Falter nur einen Platz auf seinen Lieblingsblüten suchte – darüber machte ich mir keine Gedanken. Ich musste mich beeilen, mich den Trauernden anzuschließen, die dem Sarg bis zu seiner letzten Ruhestätte folgten und sich dort ringsum versammelten.
Die Pastorin hatte ein Gebet gesprochen und den Sarg mit dem Verstorbenen noch ein letztes Mal gesegnet, da wartete ich ruhig, bis seine Angehörigen Abschied genommen hatten und ließ auch noch anderen Trauergästen den Vortritt. Dann aber nahm auch ich eines von den bereitgestellten Sträußchen, warf es sachte hinunter in das offene Grab, hob ein wenig meine rechte Hand und sagte einem plötzlichen Gedanken folgend: „Sagen Sie ihr, ich lasse sie grüßen!“
Text Günter Detmer