O Magnum Mysterium

Nach längerer Zeit war ich wieder nach Xanten gefahren, in die alte Römerstadt bei uns am Niederrhein, und wie viele Male zuvor war ich auch in den Dom gegangen und hatte Kerzen angezündet. Kerzen für liebe Menschen, die mir nahe standen und die ich für immer in mei-nem Herzen bewahren werde: meine Eltern, denen ich unter anderem meine Liebe zur Mu-sik verdanke, besonders aber meine Frau, mit der ich achtundvierzig Jahre lang glücklich verheiratet war. Wir beide waren in früheren Jahren auf unseren Fahrrädern gern nach Xan-ten gefahren und das waren dann Tagestouren von siebzig bis achtzig Kilometern gewesen, je nach Route.
Vor einem Nebenaltar hatte ich mich auf eine Bank gesetzt, dachte an meine Lieben und betete für sie. Eine wohltuende Ruhe umfing mich an diesem Tag im Dom; ich hatte schon anderes erleben müssen: Mitteilungsfreudige Besucher etwa, die ungeniert und laut die Sehenswürdigkeiten des Gotteshauses miteinander begutachteten.
Doch in die Stille setzte unvermittelt die große Orgel ein. Passagen aus einem mir unbe-kannten Werk waren zu hören, brachen ab und begannen von neuem. Mit meiner Andacht war es zu Ende. Zunächst irritiert, dann jedoch interessiert, verließ ich die Bank und näherte mich der Orgel, die in einem nur um zwei Stufen erhöhten Bereich vor dem sehenswerten, farbigen Westfenster des Domes steht.
Obwohl ich ein wenig zur Seite gegangen war, konnte ich nur mühsam und aus zu großer Distanz den Spieltisch erblicken, der zwischen Rückpositiv und Hauptorgel steht, und daher für den Betrachter von vorne nicht sichtbar ist. Schade! Ich ignorierte ein dickes, dunkelro-tes Seil, das dort als Abgrenzung kniehoch über dem Boden angebracht ist, überstieg es vor-sichtig und ging behutsam näher an die Orgel heran. Nun konnte ich endlich von der Seite her den hell erleuchteten Spieltisch mit den drei Klaviaturen und den aufgeschlagenen No-tenblättern gut sehen.
Ein schmächtiger, junger Mann saß davor: Der Organist. Sogleich war mir aufgefallen, dass er zum Spiel des Pedals leichte, alte Schuhe angezogen hatte, die nicht so recht zu seiner sonstigen Kleidung passen wollten; seine Straßenschuhe hatte er neben der Orgel auf dem Fußboden abgestellt.
Eine junge Frau schien ihm zu assistieren, denn in kurzen Abständen ging sie in den Kir-chenraum, lauschte dem Klang, kam zurück und erzählte etwas, was der Organist sich no-tierte, um sodann die Registrierung zu ändern und von neuem zu beginnen. Seine Finger liefen virtuos über die Tasten, mal auf dem mittleren Manual, mal auf dem unteren. Das obere benötigte er scheinbar nicht, doch was mich besonders beeindruckte: Seine Füße fanden die Pedaltasten blind! Es war hochinteressant für mich, dem Spiel endlich einmal zusehen zu können, denn Orgeln, diese bewundernswerten Instrumente, haben mich schon immer interessiert.
So ging das eine Weile. Es wurden andere Passagen probiert, angehört und Notizen ge-macht. Der Dom war voll der schönsten Klänge, und die Bässe der mächtigen Sechzehnfüßer ließen den Marmorboden neben der Orgel vibrieren. Doch offensichtlich war das nur eine Probe für ein bevorstehendes Orgelkonzert, und man bekam auch kein ganzes Musikstück zu hören. Das sollte dem Konzert vorbehalten bleiben.
Die beiden legten nun eine Pause ein und ich erwachte aus meiner Faszination. Ich war bestürzt und schämte mich vor mir selbst. Für eine kleine Weile hatte ich alles um mich her-um vergessen: Ich hatte sogar vergessen, dass vor nur sechs Tagen meine liebe Frau verstor-ben war, dass ich sie schmerzlich vermisste und dies überhaupt der Grund für meinen Be-such im Dom war!
Ist es denkbar, dass sie mir dieses Erlebnis geschenkt hatte? Wollte sie mir damit etwas sagen?
„Wenn du einmal traurig bist, oder mutlos, und niemand ist da, der dich tröstet, dann las-se dich von schöner Musik in die Arme nehmen.“
Anfang April 2002 war es gewesen, ein wenig Zeit war nach dem Dombesuch ins Land ge-gangen, da bekam ich eine Antwort auf meine Frage. Mein Erlebnis hatte ich nämlich, zu-sammen mit einer Weihnachtsgeschichte, unserer Tageszeitung vorgelegt, und man war nicht abgeneigt gewesen, bei Gelegenheit auch diese Erzählung abzudrucken.
Es kam der 31. Januar 2004, der zweite Geburtstag meiner Frau nach ihrem Tod, und diesen Tag werde ich nie vergessen. Neben ihrem Foto hatte ich eine Kerze angezündet, eine schö-ne Rose neben das Bild gestellt, und wie an jedem anderen Morgen auch, war ich zur Haus-tür hinuntergegangen, um aus dem Briefkasten die Tageszeitung zu holen, ohne zu ahnen, was mich dort erwartete.
Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Zutiefst bewegt las ich bereits auf der Titelseite in großen Buchstaben einen Hinweis auf meine Erzählung im Innenteil des Blattes: „Seelenmu-sik. Wie die Klänge der Orgel im Xantener Dom trösten und Mut machen können.“
An ihrem Geburtstag! Dieses Datum war der Redaktion gar nicht bekannt gewesen und dennoch hatte man an diesem Tag die Geschichte abgedruckt, zusammen mit einem Foto der großen Xantener Dom-Orgel!
Seit jenem Tage glaube ich nicht mehr an Zufälle und ich bin auch fest davon überzeugt, dass meine liebe Frau mir auf diese Weise geantwortet hatte.
Gleichzeitig war mir ein Anderes klar geworden: Sie, die genau wusste, was Musik für mich bedeutet, nur sie konnte es gewesen sein, die mich damals auf die Minute genau in den Dom geführt hatte.
O Magnum Mysterium!
Text Günter Detmer