Lyrik und Musik

„Lyrik lernen lohnt sich.“ Zu diesem sehr interessanten Thema war vor längerer Zeit in unserer Tageszeitung eine Kolumne zu lesen, über die ich mir meine eigenen Gedanken gemacht habe:
Ja, Lyrik lernen lohnt sich, und der Meinung des Redakteurs stimme ich voll und ganz zu! Besonders; wenn Profis Gedichte lesen – in Kempen und auch in der Mercatorhalle in Duisburg hörte ich einmal Bruno Ganz –, dann können sie ihre Wirkung richtig entfalten; ganz anders, wenn ich sie mir laut vorlese. Gekonnt ist eben gekonnt. Nach der Lesung sprach ich übrigens kurz mit ihm und bekam auch ein Autogramm, über das ich mich besonders freue
Aus meinen Volksschuljahren – mehr Schulbildung war für mich in den Nachkriegsjahren nicht drin, und ich beklage mich auch nicht, habe ich unter anderem Schillers „Lied von der Glocke“, aber auch „Nis Randers“ von Otto Ernst bruchstückhaft in Erinnerung, denn als wir damals diese und andere Gedichte auswendig lernen mussten, da schwebte noch der Rohrstock unseres Klassenlehrers über uns, und der war vielleicht der Grund, dass wir uns etwas mehr bemühten. Stammt der Begriff, jemandem etwas „einbläuen“ wohl von den blauen Flecken, die er bei den Getroffenen hinterließ?
Im Alter von 86 Jahren lässt meine Merkfähigkeit leider immer mehr nach, wenn jedoch Lyrik meisterhaft vertont wurde, dann kann ich mir, zusammen mit der Musik, den Text besser merken – ja, manches Gedicht, das mich besonders berührt, brennt sich dann regelrecht in meine grauen Zellen ein, besonders dann, wenn es vollendet gesungen und gespielt dargeboten wird.
Ganz vorsichtig wage ich in diesem Zusammenhang einmal zu fragen, wie es zum Beispiel um den Bekanntheitsgrad von Hermann Hesses „September“ stünde, hätte nicht Richard Strauss in seinen letzten Lebensjahren eine riesige, aber wunderschön klingende Partitur um dieses nachdenklich stimmende Gedicht gewoben. Text und Musik vereinen sich dabei zu höchster Vollendung und berühren mich immer wieder sehr!
Man vermutet ja, dass erst die Nähe seines Todes Richard Strauss bewogen habe, unter der Überschrift „Vier letzte Lieder“ Gedichte von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff zu vertonen. Dankenswerterweise für eine Singstimme und großes Orchester. Und obwohl es für ihn eigentlich nur noch kompositorische „Handgelenksübungen“ sein sollten, wie ich irgendwo gelesen habe, sind doch wahre Meisterwerke entstanden.
„Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss habe ich einmal zu diesem Thema hervorgehoben. Ich weiß allerdings nicht, welchem Leser dieser Zeilen die Texte auch in der Vertonung bekannt sind? „Frühling“, „September“ und „Beim Schlafengehen“ von Hermann Hesse, sowie „Im Abendrot“ von Joseph von Eichendorff.
Hermann Hesse, dieser höchst sensible und die Musik liebende Mensch, so wird berichtet, habe die „Vier letzten Lieder“ in der Vertonung von Richard Strauss zwar kennen gelernt, dessen „rauschender“ Stil habe ihm allerdings nicht zugesagt. Ich dagegen möchte – wenn ich „September“ gehört habe –, eine ganze Weile lang keine andere Musik an mich heranlassen; so sehr berühren Text und Musik jedes Mal mein Innerstes.
Erwähnen möchte ich hier aber auch die „Wesendonck-Lieder“, die Richard Wagner nach Gedichten von Mathilde Wesendonck komponiert hatte. Ohne seine wunderbare Musik würde heute vermutlich kaum jemand Notiz von ihnen nehmen.
Allerbeste Lyrik, wie ein kostbarer Edelstein in Musik gefasst und meisterhaft gesungen zu hören – im Konzertsaal oder auch zu Hause von einer CD, das übertrifft jeden noch so guten Vortrag!
Und wenn im September der Sommer wie in jedem Jahr dabei ist, sich zu verabschieden, und man die Gelegenheit hat, durch einen schönen Garten zu gehen, dann wird man vielleicht die Situation auch so empfinden, wie Hermann Hesse sie in seinem schönen Gedicht beschreibt: „Der Garten trauert, kühl sinkt in die Blumen der Regen.“
Text Günter Detmer