Das Geheimnis der Bäume

Es war ein sonniger Sommertag. Die Wärme tat Heinz‘ alten Knochen gut. Er trat vor die Tür und blickte zur Eiche, die auf einem grünen Hügel stand. Eigentlich ein Baum wie jeder andere auch, doch für Heinz war dieser etwas ganz besonderes. Vor Jahren hatte er eine Bank unter das mächtige Laubdach aufgestellt, um dort auf eine besondere Freundin zu warten. Auf Sina.
„Wer zuerst am Baum ist!“, rief Sam, der zu Besuch war.
Er stürzte an Heinz vorbei. Sam war sein sieben Jahre alter Enkel und zudem ein kleiner Wirbelwind.
Heinz lächelte und lief langsam auf seinen Stock gestützt seinem Enkel hinter her.
Wie lange ist es her, als ich noch so rennen konnte, fragte sich Heinz.
„Ich bin Erster!“, rief Sam ihm entgegen. „Opa, du wirst immer langsamer.“
„Nein, … Du wirst nur immer schneller!“, keuchte Heinz. „Puh, ich brauche eine Pause!“
Er hatte versucht, auf den letzten Meter etwas schneller zu laufen. Außer Atem und froh erreichte er den Baum.
„Hallo, altes Mädchen!“ Heinz legte seine Hand an den Baum.
„Opa, woher weiß du, dass der Baum ein Mädchen ist?“, fragte Sam.
„Oh, das hat sie mir mal gesagt“, antwortete der alte Mann.
„Wer? Der Baum?“
„Nein, soll ich es dir erzählen?“, Heinz setzte sich schwerfällig auf die Bank.
„Au, ja!“ Sam rutschte neben ihn.
„Es war ein Tag wie heute. Ich war noch ein Junge, etwas älter als du jetzt“, begann Heinz.
„Du warst mal ein Kind, wie ich?“ Sam staunte.
„Ja, natürlich!“, sagte Heinz. „Es wäre doch sehr unfair, wenn Omas und Opas alt geboren werden, oder?“
Sam nickte.
Als Heinz seine Geschichte erzählte, wurde die Erinnerung wieder vor seinem Augen lebendig …

Er stand an dem Stamm der noch jungen Eiche. Ihre Blätter wisperten im Wind. Seit Tagen kribbelte es ihm in den Fingern, hinauf zu klettern. Er spuckte in seine Hände und rieb sie an der Hose trocken. Er umarmte den Stamm. Es war leicht ihn zu umfassen.
Es dauerte lange, bis Heinz den unteren Ast erreicht hatte. Ein hartes Stück Arbeit lag hinter ihm.
Es wäre gut, wenn ich eine kleine Pause einlege, dachte er. Bevor ich höher klettere.
Er ließ die Beine baumeln und schaute nach oben. Die Zweige flüsterten im Wind.
Wie wohl die Aussicht von dort oben ist, dachte er.

Nach ein paar Minuten kletterte er weiter. Die Äste wurden immer dünner und auch biegsamer.
Plötzlich passierte es. Ein zu dünner Ast knickte ab und brach und Heinz …

Er wäre gefallen, wenn nicht im letzten Augenblick, eine grünliche Hand nach seinem Arm griff und auf einem rettenden Ast zog.

Heinz musste sich von dem Schreck erholen. Er musterte verstohlen das Wesen, das sich neben ihn gesetzt hatte. Es sah aus wie ein Mädchen mit grünlicher Haut und herbstlaubroten, zerzausten Haaren. Blätter und kleine Zweige schauten aus der Mähne heraus. Es trug enge Kleidung, die an Peter Pan erinnerte. Seine Nase war zu spitz. Es grinste frech.
„Du kannst mich sehen!“, sagte es. „Dann bist du ein besonderer Mensch.“
„Wer oder was bist du?“, fragte Heinz.
„Oh, ich bin Sinalla Falda O‘ Eiche, eine Dryade!“, antwortete das Wesen.
„Was ist eine Dryade?“, wollte Heinz wissen.
„Eine Baumnymphe, oder Baumgeist“, erklärte Sina. „Ich lebe im Einklang mit meiner Freundin, dem Baum, hier.“
Sina streichelte über die Rinde.
„Alle lebenden Bäume leben in Symbiose mit uns Dryaden …

Die Erinnerung verblasste langsam. Heinz fand in die Gegenwart zurück. Sam hatte aufmerksam zu gehört.
„Wo ist denn diese Sina jetzt?“, fragte Sam.
Heinz blickte nach oben. Ein kleiner Schopf blickte aus der Baumkrone zu ihnen herunter.
„Sie ist hier!“, sagte Heinz. „Vielleicht kannst du sie ja auch sehen.“
Sam sprang von der Bank und suchte. Er lief hastig hin und her. Sina setzte sich auf einen Ast und kicherte.
„Da! Da ist sie!“, rief er. „Die ist aber viel kleiner, als ich dachte!“
„Oh, Dryaden können ihre Größe verändern“, meinte Heinz. „Nein, kletterte nicht nach oben.“
Heinz war kurz erschrocken.
„Warum nicht?“, fragte Sam.
„Es ist zu gefährlich für euch Menschen!“, sagte Sina.
Sam zuckte zusammen.
Sina stand plötzlich neben ihm. Sie war genauso groß wie er.
Sie tippte Sam auf die Schulter und rief: „Du bist dran!“
Heinz lächelte. Es war so lange her, als er mit Sina fangen gespielt hatte. Die Dryade hatte sich über die Jahre nicht verändert. Der Stamm der mächtigen Eiche war nur dicker geworden.
Text Nicole Gabrys