Unser ehrenwertes Haus

Ein ehrenwertes Haus
Dienstag, 15:30. „Wussten’se dat? Hat die Tussi letztens ihre Große im Keller vergessen! Und die Dicke aussem Vierten sieht aus wie ihr’n Dackel! Gestern war oben rechts widda der Gasmann da! Und der Don Juan von drunter, wie der immer die Tussi anstarrt!“
Die vom Parterre redet sich in Rage. Sie schaut zu ihrem Nachbarn hoch.
Er guckt wie immer aus dem geöffneten Fenster seiner Wohnung im ersten Stock. Von dort sieht er das neue Flowerpower-Bild am Jugendzentrum gegenüber.
„Un der Alte von unten is widda am Nölen wegen die stinkende Müllsäcke! Wussten’se, der Kerl und seine Type aus dem Zweiten sind nicht verheiratet! Und de Neue im Zweiten links sind zwei Kerle!“ Sie redet schneller als sie atmen kann.
Atempause, um den karibischen Klängen von gegenüber zu lauschen, das Jugendzentrum füllt sich.
„Wissen’se ei’ntlich, wat die vonne Jugendzenter bei’de Eigentümertreff wollten?“
Er weiß es, aber er schweigt. Sie möchten die Hausfront für ein Kunstprojekt nutzen. Die Dackelfrau war als Einzige dagegen gewesen, die Kanackenkinder brächten nur Ärger.
15:40. Dackel geht Gassi. 16:00. Der Alte von unten kontrolliert den Keller. 16:10. Dackelfrau im Anmarsch. Der Bus hält, die Große steigt aus. Zeitgleich betreten sie das Haus. Streikender Aufzug, die Große hilft der Dackelfrau beim Tragen. Der Fenstermann hört es durch die dünne Wohnungswand. 16:15. Weitere Nachbarn zurück. Schweigen vor dem Aufzug. Die vom Parterre betritt das Haus.
Plötzlich ein Schrei von oben, Hundegebell, dann eine Mädchenstimme: „Sie ist gestürzt! Ist da unten wer?“
Klappernd öffnet sich der Fahrstuhl. Der Fenstermann kann die vom Parterre rufen hören: „Wir ko-hom-men!“ Klapper, Fahrstuhl zu.
Ein Blick hinaus, die Jugendlichen tanzen, eine repariert ihr Mofa.
Piep! Piep! Piep!
Es klopft, es ist der Alte: „Die von oben ist gestürzt! Der Fahrstuhl steckt fest! Ich kann’s reparieren, hab mich aber ausgesperrt, kein Telefon, kein Werkzeug!“
Wortlos reicht ihm der Fenstermann sein Telefon, greift nach dem Schlüssel und verlässt die Wohnung.
„Wohin … Schnell einen Rettungs …“, hört der Fenstermann ihn in den Hörer rufen.
Vor dem piependen Aufzug treffen sie sich, der Fenstermann mit dem Mofamädchen im Schlepptau. Der Alte und sie beginnen fachsimpelnd, am Fahrstuhl zu schrauben.
Dann dumpfe Stimmen aus dem Aufzug: „Platzangst! Hyperventiliert!“
„Hilft mir wer?“ Das ist die Große von oben.
Der Fenstermann läuft die Stufen hoch, beruhigt die Große, versorgt die Verletzte. Endlich das Rumpeln, Surren, der Aufzug kommt!

Freitag, 20:00. Frau Eck aus dem Parterre hebt ihr Glas. „Da sind’wer alle hier inne neue Partykeller: Herr Groß außem Ersten, die Shakira mitte Jungs von drüben, unser‘ treue Caro mitte Dackel vonne Dicke … äh von Frau Fürth aus dem Vierten. Morgen könnter anfangen mitte Pinselei, sacht sie. Unnu: Prost auf unser
Text Barbara Fröhlich