Der Schwan

Nach der langen Bahnfahrt hatte ich sehr unruhig geschlafen und irgendwann wurde ich wach, schaute, ohne das Licht einzuschalten auf meine Armbanduhr, und war beunruhigt: Ich war hellwach, und an ein Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Ohne lange zu überlegen, griff ich nach meinem iPhone und schrieb eine E-Mail:
„Anna, du Liebe, du vermisst meine E-Mails? Hier ist eine und ich schreibe sie mitten in der Nacht. Weil ich müde war von der Reise und vielleicht auch von der Umstellung auf das Seeklima hier auf Sylt, war ich früh ins Bett gegangen, und jetzt habe ich den Salat: Es ist drei Uhr nachts und ich kann nicht mehr schlafen. Mir ist warm geworden und ich habe deshalb einen Fensterflügel gekippt – auch weil ich das von zu Hause so gewöhnt bin –, und nun kann ich ein paar Nachtschwärmer hören, die die Friedrichstraße entlang ziehen. Ansonsten ist es in meinem Hotelzimmer total ruhig. Die Bahnfahrt hatte bereits mit einer geänderten Wagenfolge begonnen und die Abfahrt hatte sich dann auch um zwanzig Minuten verspätet, weil sich auf der vorausliegenden Strecke jemand vor einen Zug geworfen hatte. Man hört immer häufiger, dass verzweifelte Menschen das tun, und ich kann mir vorstellen, dass es ein blitzschnelles Ende ist.
Es ist wahrhaftig nicht schön, was ich dir hier erzähle, aber das Leben ist nun einmal so: Erst hat man Gespräche mit Mitreisenden über Suizid auf den Gleisen, und etwas später redet man mit Urlaubern über leckere Fischgerichte, die es hier gibt und die ich mir nicht entgehen lasse, wenn ich schon einmal in Westerland bin. Man muss hart sein im Nehmen, sonst hält man es mitunter nicht mehr aus. Du fehlst mir Anna, denn heute gegen vierzehn Uhr werde ich vergeblich auf dich warten und nach deinem roten Anorak Ausschau halten. Und du wirst nicht fröhlich angeradelt kommen und mir zuwinken und dann sagen: ‚Lass uns doch ins Extrablatt gehen. Ich möchte gern eine Cola, und dann werden wir weiter sehen.‘
Weißt du was? Ich versuche nun doch zu schlafen, aber ich schicke dir diese Gedanken, damit du heute von mir etwas zu lesen hast. Und ich denke an dich. Ich denke, ob du vielleicht auch gerade wach bist, womöglich wieder Magenschmerzen hast und dich quälst und dir Sorgen machst. Ich drück dich ganz fest und streichele in Gedanken über dein Haar, wie im Januar, als ich dich nach deiner schweren Operation im Krankenhaus besucht hatte, und wo du so verzweifelt warst.“
Der Erfolg der Operation war da noch völlig ungewiss gewesen, und deshalb war Anna an diesem Abend vollkommen verzweifelt gewesen. Mit ihren sowieso schon strapazierten Nerven war sie vollkommen am Ende, und brach, sogar noch immer an ein halbes Dutzend Schläuche angeschlossen, in einem Sessel neben ihrem Bett plötzlich haltlos weinend zusammen.
Alles, was sie besonders in der letzten Zeit so sehr bedrückt hatte: ihre Sorgen um ihre Gesundheit (man hatte sie zwanzig lange Jahre aufgrund einer oberflächlichen Diagnose falsch behandelt), das Bangen um ihre Existenz („Wie soll es denn nun mit mir weiter gehen?“), all das brach aus ihr wie eine gewaltige Eruption heraus. Und als ob ich es bereits gespürt hatte, war ich vorsorglich noch nicht nach Hause gefahren, und konnte sie auffangen. Wie ein Kind konnte ich sie in meine Arme nehmen, sanft über ihr Haar streicheln und ihr geduldig zuhören. So gelang es mir dann nach und nach, sie wieder zu beruhigen. Doch so nah, wie in jenen bangen Minuten, so nah waren unsere Seelen nie wieder beieinander gewesen – Minuten, die wir beide nie vergessen würden.
Und als ich später wieder nachhause gefahren war und auf der Autobahn mein Autoradio eingeschaltet hatte, da wurde sehr bald eine wunderbare Musik gesendet, die ich zwar gut kannte, deren Titel mir aber nicht einfallen wollte. Eine mir unbekannte Gruppe hatte der Melodie einen italienischen Text unterlegt und sang das Lied. Es war beinah wie ein Überfall auf meine ambivalente Gemütslage, und am liebsten hätte ich sofort angehalten, um die Musik in aller Ruhe genießen zu können – so sehr war sie mir in dem Moment unter die Haut gegangen!
Anhalten war leider nicht möglich, auch ein Rastplatz war nicht in Sichtweite, doch am nächsten Tag schaute ich in die Playlist des Senders und las sowohl den Titel als auch den Namen der Gruppe: „Der Schwan“, von Camille Saint Säens, gesungen von „Il Volo.“
Hatte mir in jenem Moment ein guter Geist im Sender, völlig ahnungslos, etwas schenken wollen dafür, dass ich noch bei Anna geblieben war? Oder war es womöglich sie selbst gewesen, die mir auf diese Weise etwas Gutes tun wollte? O Magnum Mysterium, es gibt so viele Geschehnisse, für die wir keine Erklärung finden und seither lässt mich diese wunderschöne Musik nicht mehr los!
Nun sollte man allerdings wissen, dass ich es ohne mein Zuhause immer nur kurze Zeit aushalte, und so war ich auch dieses Mal nur vier Tage auf Sylt gewesen. Allein, übrigens ohne Anna, die dieses Mal leider keine Zeit hatte, mich wieder zu begleiten. Doch kaum war ich von der Reise zurückgekehrt, müde von der langen Fahrt – und es war auch schon spät am Abend –, da brauchte ich sie vor dem Zubettgehen noch einmal: Die Musik aus jener Nacht auf der Autobahn.
Ich nahm die CD „Il Volo“ aus dem Regal, legte sie in den Player, setze mich in einen Sessel, schloss die Augen und ließ diesen wunderschönen Titel abspielen:
„Guarda che Lago che Luna c’ è le stelle in cielo brillano per noi …”–, und meine Gedanken waren bei Anna.
Text Günter Detmer