Bei mir piept´s

‚Die Sanduhr des Lebens kann keiner stoppen. Zeit ist begrenzt, sie will genutzt werden.‘
Die Worte des Trauerredners lassen mich nicht los. Ich rutsche auf meinem Autositz herum. Meine Finger umkrampfen das Lenkrad wie einen Rettungsring. Ich schlucke, beschleunige das Tempo, obgleich ich spüre, dass ich innerlich herunterfahren muss. Um mich abzulenken schalte ich das Radio ein. ‚Hör auf die Stimme, hör, was sie dir sagt‘ dröhnt es aus den Boxen. Ich wechsele den Sender. Die sonore Stimme des Radiosprechers lässt mich ruhiger werden.
Mist, kurz vor Köln tun sich jede Menge Staus auf. Ich steuere die nächste Ausfahrt an, will mir eine Pause gönnen. Zweihundert Kilometer liegen noch vor mir. Ich schlendere an der Rheinpromenade entlang, setze mich auf eine Bank, döse, denke über mich und die Sanduhr in meinem Leben nach.
„Hör auf die Stimme, hör, was sie dir sagt“, murmele ich plötzlich wie ein Mantra vor mich hin. Da ist er wieder, dieser nervtötende Ohrwurm, der sich in meinem Kopf festgesetzt hat.
Ich will in mich hinein horchen. Es gelingt mit nicht.
Was für ein Quatsch, denke ich. Das Einzige, was ich außer den Schiffen hören kann, sind krächzende Vögel. Hallo, ich bin doch nicht zum Ornithologen berufen!
Intuitiv blicke ich in die Baumkrone über mir. Majestätisch, weit verzweigt, fast blickdicht. Plötzlich entdecke ich in den Blättern merkwürdige Bewegungen. Was ist das? Giftgrüne Papageien hangeln sich durch die Äste. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Drehe ich jetzt völlig ab? Wenn es nicht so makaber wäre, würde ich sagen, dass es bei mir piept.
Die Vögel schnattern jetzt lauter, schriller, aggressiver. Alles in mir schnürt sich zusammen. Wie in Trance wanke ich zu meinem Auto, frage mich, ob ich mit meinen Visionen überhaupt in der Lage bin weiterzufahren. Kündigen sich so Psychosen, Epilepsien, Hirnerkrankungen an?
„Sie zittern ja wie Espenlaub“, sagt eine Frau besorgt.
„Guck mal, Mama! Die Vögel fliegen bestimmt nach Afrika“, kreischt ein Junge im Grundschulalter.
Die Mutter lacht.
„Das sind wilde Halsbandsittiche, die leben hier – alles Nachfahren entflohener Käfigtiere“, erklärt sie. „In der Rheinebene gibt es Tausende.“
Tausende? Die Zahl ist Balsam für meine gebeutelte Seele. Ich muss auch lachen und fühle mich mit einem Mal schlagartig kerngesund. Trotzdem beschließe ich, es wie diese Vögel zu machen und mir hier bald eine Übernachtungsmöglichkeit im Hotel zu suchen.
An diesem Abend stoße ich mit mir selbst das Leben an. Ich weiß, ich habe viel nachzudenken, will einiges ändern, bewusster leben. „Hör auf die Stimme“, der Refrain hat wirklich was.
Text Ulli Krebs