Der Lausbub und ich

Mein Name ist „Petzi.“ Ich bin eine Art Foxterrier mit weißem Fell und braunen Ohren. Oft höre ich: „Schau mal, so einen Hund möchte ich auch haben, der sieht total super aus.“ Wenn die nächste Frage kommt: „Wie heißt er denn, darf ich ihn mal streicheln?“ wird mein Herrchen Pit gleich groß vor Stolz und ich natürlich auch.
„Petzi heißt er, klar kannst du ihn streicheln. Das findet er prima.“
Pit ist ein richtiger Lausbub, 7circa 7 Jahre alt. Wir sind sehr gute Freunde und ein starkes Team. Hier eine kleine Kostprobe.
Eines Nachmittags kamen drei Kumpels von Pit vorbei, um uns beide zum Fußballspielen abzuholen. Pit nahm mich an die Leine, unser Ziel war der Friedhof, wo es am Eingang eine Wiese gibt. Dort angekommen, wartete ich leider vergeblich darauf, dass ich endlich frei über den Rasen sausen durfte. Stattdessen befestigte Pit meine Leine an einem Baum. Ich bellte, lief hin und her, es half nichts. Pit legte seine Jacke vor mir auf den Boden und sah mich fest an:„Petzi, Platz, pass gut auf die Jacke auf!“ Er verschwand in ein nahe gelegenes Gebüsch und
holte etwas Kugeliges heraus. Roch das gut! Warum nur durfte ich nicht mitspielen?
Die Jungs bauten mit Jacken ein Tor und los ging es. Als die Kugel einmal an mir vorbei kullerte, wollte ich sie festhalten. Sofort schrie Pit: „Petzi, aus, mach Platz!“
Nach kurzer Zeit schoss ein Junge die Kugel wieder ins Gebüsch, griff nach seiner Jacke und schrie: „Die Polizei kommt, schnell weg von hier,“ alle rannten fort, auch mein Herrchen Pit.
Ich sprang auf und zerrte vergeblich an der Leine. Tat das weh. Nach kurzem Aufheulen bellte ich
die beiden schwarz gekleideten Männer an, so laut ich konnte. Dann fletschte ich die Zähne.
„Ist doch gut, Hundchen. Aus. Da hat dich dein Herrchen wohl vergessen.“
„Platz!“ sagte der andere und sah mich mit einem Blick an, der mich zu tiefst erschreckte. Ich gehorchte. Aber nur für kurze Zeit, dann legte ich wieder los.
„Lass ihn doch bellen, umso schneller kommt der Junge zurück, diesen Mistköter zu holen.“
Ich roch Pit bereits von weitem, jaulte auf und wackelte mit dem Schwanz.
„Siehst du,“ frohlockte der erste Polizist, „da ist er ja.“
Dann wandte er sich an Pit, er schien dabei noch ein Stück größer zu werden. Seine Stimme klang rau und barsch: „Wenn du deinen Hund haben willst, musst du schon näher kommen.“ Ein Grinsen ging über sein Gesicht.
„Ansonsten bringen wir ihn gleich ins Tierheim.“
Da stand Pit und zitterte ein wenig. Es sah aus, als ob er gleich losheulen würde.
„Wir haben nichts gemacht. Wir spielten doch nur Fußball,“ brach es aus ihm heraus.
„Fußball, hier auf dem Friedhof,“ schrie er Pit an. Sein Gesicht erglühte wie eine rote Lampe.
„Und wo ist der Ball bitte?“
Der zweite Polizist mischte sich ein: „Wie heißt du überhaupt, und wo wohnst du?“ Der Ton machte mich wahnsinnig. Ich bellte los.
„Petzi, aus, mach Platz,“ herrschte mich Pit an, was ich gleich tat. Stotternd wandte sich Pit wieder an die Polizisten.
„Pit Blume. Ich wohne in der Nähe.“ Er schluchzte auf. „Dies ist die einzige Wiese, wo wir spielen können. Es gibt doch sonst nur Trümmer überall.“
„Auf dem Friedhof darf man trotzdem kein Fußball spielen, das ist dir doch klar, nicht wahr? Und nun die wichtigste Frage, wo ist der Ball?“
„Ich weiß es nicht, sicher haben ihn die anderen Jungen.“
„Wie dem auch sei, nimm jetzt deinen Hund und deine Jacke, wir gehen zu deinen Eltern. Dort kannst du erzählen, was ihr hier gemacht habt.“ Dann drohte er mit dem Zeigefinger: „Versuch nicht wegzulaufen, wir sind schneller als du!“
Pit hob seine Jacke auf band die Leine vom Baum los und gab den Befehl: „Petzi, komm mit!“
Ich stand auf.
Sie nahmen Pit in die Mitte, ich schlich angeleint hinter ihnen her, mit gesenktem Kopf und hängendem Schwanz.
Zu Hause angekommen, öffnete Vater die Tür. Sofort sträubte sich mein Fell. Ich bellte, was das Zeug hielt, denn ich spürte, es gab gleich großen Ärger.
„Moment, die Herren, Pit, sperr sofort deinen Köter weg!“
Pit führte mich zum Badezimmer, stupste mich hinein und zog die Tür hinter sich zu.
Gedämpft hörte ich Stimmen, dann, wie Vater Pit anschrie: „Na, warte, das gibt gleich was.“ Die Haustür fiel ins Schloss, bedeutete, die Männer waren fort.
Jetzt hielt mich nichts mehr. Ich musste hier raus, mein Herrchen würde gleich eine Abreibung mit der „Wimmelquieke,“ einem kurzen Gummischlauch, kriegen.
In meiner Not kam mir die Idee: Ich sprang hoch und erreichte tatsächlich die Klinke mit den Pfoten. Die Tür ging mit einem Ruck auf. Bellend stürzte ich auf Vater zu, der gerade Pit den ersten Schlag versetzte. Nach meinem Lärm konnte Pit aus dem Raum fliehen, ich biss Vater von hinten in die Hose, erwischte dabei die Wade.
„Nur zu,“ dachte ich, „gib´s ihm!“
Vater schrie auf, drehte sich nach mir um. Ein Schlag traf meinen Rücken. Jaulend rannte ich hinter Pit her und hörte gerade noch, wie Vater der Mutter zurief: „Lenchen, hilf mir, der verdammte Köter hat mich gebissen.“
Ich fand Pit kniend in Mutters Nähzimmer hinter dem Wäschekorb. Er strich vorsichtig mit seinen Händen über seinen Rücken und seinen Po. Sofort warf ich mich vor seine Knie, während er zu mir herunter glitt, eine Hand seinen Kopf abstützend, die andere strich kraulend über mein Fell.
„Gut gemacht, Petzi, bist mein braver Hund.“ Dabei nahm er meinen Kopf hoch und sah in meine Augen. Nach einer Pause schluchzte er auf.
„Alles ist doof, nirgends können wir Fußball spielen. Es gibt keinen Platz auch keine Bälle und nun
dürfen wir nicht mal die Wiese auf dem Friedhof benutzen.“ Er schniefte laut. „Schon gar nicht mit einem Totenkopf,“ Tränen liefen über seine Wangen. „Es könnte ja der Kopf von Opa Louis sein.“
„Ein Totenkopf,“ dachte ich. „Deshalb roch das so so lecker.“ Langsam schleckte ich mit der Zunge über sein Gesicht.
Anmerkung: Die Geschichte fand tatsächlich im Jahr 1948 statt. Ein Teil  des Friedhofs wurde für
die Verlegung der Bahngleise gebraucht. Die Gräber bettete man um.
Text Heike Wiezorek